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Die AlbertinaAT-1010 Wien

Autor:Rainer Göttlinger

Der Meister malte ihn anno 1502, aber das wohl bekannteste Langohr der Kunstgeschichte hält sich schon seit langem nicht mehr in der Dürerstadt auf. Wer den Hasen heute im Original sehen möchte, muß sich nach Wien begeben.

Dem Hasen auf der Spur

Ein Kurztrip durch Wien

Der Meister malte ihn anno 1502, aber das wohl bekannteste Langohr der Kunstgeschichte hält sich schon seit langem nicht mehr in der Dürerstadt auf. Wer den Hasen heute im Original sehen möchte, muß sich nach Wien begeben.

Die Donaumetropole ist ein wahres Eldorado für Museumsgänger.

Aber am Tage des Eintreffens ist es für die Albertina schon zu spät, und so wendet sich der geneigte Kunstfreund zunächst der Sammlung Leopold zu, denn sie hat donnerstags bis 21 Uhr geöffnet. Einen Hasen gibt es hier zwar nicht, dafür aber österreichische Kunst vom Feinsten.

Im Erdgeschoß wird gerade ein üppiges Abendbuffet aufgebaut, Kunst und Kulinarik gehen eine verlockende Verbindung ein, der zu widerstehen wahrhaft schwer fällt. Aber man ist ja nicht zum Vergnügen hier!

Der nächste Tag, es ist ein Freitag, beginnt mit einem Spaziergang durch den Belvedere-Park, der sich zwischen dem oberen und dem unteren Belvedere erstreckt. Es ist noch zu früh am Morgen, die Springbrunnen haben noch Pause. Am Wien Museum vorbei geht es weiter über den Karlsplatz zum Museumsquartier, das heute allerdings links liegen bleiben muß, denn zur Rechten locken zwei weitere Musentempel, die in perfekter Symmetrie einen weitläufigen Platz mit einer bronzenen Maria Theresia begrenzen: das Naturhistorische Museum zur Linken und das Kunsthistorische zur Rechten.

Allein schon die repräsentative Architektur rechtfertigt die getroffene Entscheidung. Und dann erst die Kunst! Das Auge erspäht sogleich Pieter Breughels berühmten Turmbau zu Babel sowie die nicht weniger bekannten Kinderspiele. Versteckt sich hier irgendwo das gesuchte Langohr? Natürlich nicht.

Auch nicht im Burggarten, dort tummeln sich nur die Schmetterlinge im gleichnamigen Haus. Dankbar nimmt der mit zunehmender Tagesschwüle kämpfende Tourist aber im Café eine kleine Erfrischung ein, während sich am Himmel der Mozartstadt erste Gewitterwolken zeigen.

Vor dem Regen in das nächste Museum zu flüchten fiele hier wohl niemandem sonderlich schwer, denn man kann im Ersten Bezirk kaum ein paar Schritte weit gehen, ohne auf eine Sammlung mit klangvollem Namen zu stoßen. Gleich ums Eck prangt schon über den Köpfen der Schriftzug Albertina.

Prunkräume oder Sammlung Batliner?

Vom Plakat grüßen Monets Seerosen. Und tatsächlich vermitteln nicht nur diese, sondern auch Max Pechsteins blaue Schwertlilien neben Emil Noldes roten Dahlien dem Kunstliebhaber zuweilen das Gefühl, in einem blühenden Garten zu weilen, einem Garten der Kunst. Bislang aber noch immer ohne das gesuchte Haustier.

Irgendwo hier in diesem Gebäude hält es sich verborgen. Der suchende Blick erspäht am Eingang der Prunkräume zunächst Dürers Betende Hände. Nein, hier ist nicht etwa der Postkartenstand des Museumsshops. Dieses wohlbekannte Motiv ist das Original. Und links daneben ... da ist es ja endlich, das gesuchte Haustier!

Ach, so klein ist der? Auf dem Wandkalender zuhause sah er viel größer aus! Umso verblüffender, wie perfekt er nach der Natur gemalt ist, so daß man ihm am liebsten über den flauschigen Rücken streicheln möchte. Oder die Löffel kraulen, denn so heißen beim Hasen die Ohren.

Da sitzt er und schaut hinüber zum Rasenstück, wie er von des Nürnberger Meisters genialer Hand erschaffen, vor mehr als einem halben Jahrtausend. Ob er sich manchmal wünscht, des Nachts seinen Rahmen zu verlassen und hinüber zur anderen Wand zu hoppeln, wo grünes Gras und saftiger Löwenzahn locken?

Draußen entlädt sich zwischenzeitlich das Gewitter, aber der weitläufige Museumsshop bietet reichlich Gelegenheit, die umfangreiche Verwandtschaft des Hasen kennenzulernen. Und auch das Rasenstück ziert Tassen, Shirts und - im Augenblick der Verkaufsschlager schlechthin - Regenschirme! Mit einem solchen bewaffnet, endet der Tag schließlich ohne weitere Kunstgenüsse, es sei denn man rechnete die Kochkünste des böhmischen Wirtes hinzu.

Der Gast wäre aber nicht in Wien gewesen, hätte er nicht auch dem berühmtesten Sohn der Stadt seine Reverenz erwiesen: das Mozarthaus gleich hinter dem Dom bietet einen Abriß der Epoche, eine mit Lichteffekten angereicherte Mini-Inszenierung der Zauberflöte sowie natürlich im ersten Stock die Wohnung, aus deren Fenstern auch „er” einst hinaussah in die enge Gasse, damals freilich noch ohne das stete Kommen und Gehen fotografierender Japanerinnen.

Mozart. Schon der Name klingt wie Musik.

Doch waren da nicht noch andere? Was ist mit Schubert, Liszt, Beethoven? Auch letzterer hatte hier in der Nähe eine Wohnung, der interessierte Musikliebhaber erkennt das Haus an der angebrachten Tafel und - am Klingelschild! Wohnt hier der Herr Beethoven? Nein, schon lange nicht mehr! Vielleicht war ihm das Treppensteigen zu anstrengend, denn die Wohnung befindet sich oben in der vierten Etage, den es über ein enges Stiegenhaus zu erklimmen gilt.

In drei kurzen Tagen die Wiener Museumslandschaft auch nur annähernd zu ergründen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Da wäre noch so vieles, das sich lohnte, das im Hundertwasserstil gehaltene KunstHausWien etwa, das Liechtenstein Museum mit einer der bedeutendsten Privatsammlungen weltweit, die Picassos und Kandinskys im MUMOK, das Bank Austria Kunstforum und, und, und.

Auf gar keinen Fall darf aber im Besuchsprogramm das Belvedere fehlen, dessen Springbrunnen den in Südbahnhofnähe logierenden Gast schon zweimal auf besonders angenehme Weise in den 1. Bezirk geleiteten. Immerhin gilt es noch Gustav Klimts berühmten Kuß zu bewundern, ein wahrhaft markantes, von unzähligen Souvenirtassen grüßendes Motiv.

Klimt, der Kunst mit Erotik gleichsetzte, pflegte seine Modelle zunächst so zu zeichnen, wie die Natur sie schuf, um ihnen erst dann jene goldenen Kleider überzustreifen, die seine Werke so unverkenbar machen: ein unvollendet gebliebenes Werk verrät das Geheimnis.

Schloß Schönbrunn zur Linken verläßt der kunstsatte und vom Umherlaufen erschöpfte Reisende schließlich am Morgen des vierten Tages die Donaustadt und freut sich schon jetzt auf seine nächste Kulturreise.
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